Die Rübenbauern

Zuckermarktordnung

Manche sagen, Zucker zum Weltmarktpreis wird die europäischen Verbraucher um einiges erleichtern.

 
 
 
 
 

 Stimmt.

Um ihre Kulturlandschaft zum Beispiel

Nichts prägt das Bild unseres Landes mehr als unsere Kulturlandschaft. Man kennt sie, genießt sie und möchte sie nicht missen. Und doch hat niemand sie uns einfach so geschenkt. Sie ist ein immer schon mitgeschaffenes "Nebenprodukt" der Agrarwirtschaft. Ein Produkt freilich, das nicht zum Billigpreis zu haben ist.

Die Arbeit der Bauern umfasst mit der Erzeugung landwirtschaftlicher Produkte auch die Erhaltung und Pflege der Landschaft. Das geschieht im Dienste der Gesellschaft und muss von dieser in jeder Hinsicht, auch ökonomisch, gewürdigt werden.

Die Rübenbauern brauchen Rüben- und Zuckerpreise, die ihre Existenz sichern. Bis 2015 schaffte die Zuckermarktordnung die dafür notwendigen Rahmenbedingungen. Sie stellte die landwirtschaftliche Produktion und damit die Versorgung der Konsumenten sicher. Preis- und Abnahmegarantien für eine begrenzte Menge trugen dazu bei, die Erzeugungskosten zu decken. Und ein Außenhandelsschutz für Zucker hielt die Binnenpreise auch bei Schwankungen auf dem Weltmarkt stabil.

Zum sogenannten Weltmarktpreis ist die heimische Erzeugung allerdings langfristig gefährdet. Dieser Preis ist starken Schwankungen unterworfen. Er ist von der weltweiten Produktion von Zuckerrohr und in hohem Maße von Spekulationen an den Produktenbörsen abhängig. Die Rübenbauern müssten in Jahren sinkender Preise aufgeben, könnten aber dann in Jahren steigender Preise nicht mehr in die Produktion einsteigen, weil landwirtschaftliche Planung lange Vorlaufzeiten braucht. Fazit: Europa könnte von Belieferungen aus Ländern abhängig werden, die unter sozialen und umweltpolitischen Dumping-Bedingungen produzieren und dann auch ein Preismonopol errichten könnten.

Und um ihre Umweltstandards

Europa ist "nicht umsonst" Vorreiter in der Durchsetzung notwendiger Maßnahmen zum Schutz der Umwelt: Weil sie uns lieb und teuer ist, lassen wir uns ihren Erhalt etwas kosten. Andere Staaten tun das nicht und können so die Herstellungskosten senken.

Wir stehen an einem Scheideweg. Wollen wir Niedrigstpreise ohne Rücksicht auf die Art der Produktion oder bestehen wir auf eine nachhaltige Entwicklung jenseits bloßer Wachstumszahlen? Es ist illusorisch zu glauben, alle Welt warte nur darauf, die EU-Standards zu übernehmen. Umso klarer müssen wir Europäer uns zu den hohen Anforderungen an unsere Land- und Zuckerwirtschaft bekennen - und sie entsprechend honorieren. Mit dem Wegfall der Quotenregelung it dieser sinnvolle Konsens nun gefährdet.

Um die lohnpolitische Sicherheit

Für Zucker wie für andere Produkte gilt: Niedrige Preise setzen niedrige Produktionskosten, hier vor allem Lohnkosten voraus. Das westeuropäische Lohnniveau liegt deutlich über dem anderer Weltregionen, weil wir auf einen fairen, sozialen Ausgleich setzen. Und so ist es keine Überraschung, wenn die Stundenlöhne in der Zuckerindustrie einiger Entwicklungsländer mitunter gerade ein Hundertstel der durchschnittlichen europäischen Einkünfte ausmachen. Keine Frage: Die Verhältnisse lassen sich nicht übertragen. Aber dann auch die Preise nicht.

Unser Zuckerpreis - wie der aller anderen Waren, Güter und Dienstleistungen auch - steht in klarem Zusammenhang mit unserem Lebens- und Leistungsstandard. Wir zahlen mehr, aber wir haben auch mehr: ein faires Sozialsystem und höhere Kaufkraft.

So macht es wenig Sinn, die Preiswürdigkeit des EU-Zuckers am Weltmarktpreis zu messen. Mit letzerem würde in manchen Jahren bestenfalls ein Bruchteil der realen Produktionskosten gedeckt werden können. Eine ökonomisch falsche Orientierung an Niedrigstpreisen, die unser sozial- und tarifpolitisches Gefüge zerstört, kann jedoch nicht in unserem Interesse liegen.

Wir brauchen den stabilisierenden Außenschutz unserer Marktordnung.

Und um die beschäftigungspolitische Verantwortung

Ohne Fleiß kein Preis: Davon wissen unsere Landwirte und Rübenanbauer ein Lied zu singen. Doch muss solcher Fleiß auch belohnt werden. Darum gilt: Eine zu weitgehende Liberalisierung, wie sie von Kräften in der EU-Kommission ohne Berücksichtigung lokaler Notwendigkeiten gefordert wird, wirkt in die falsche Richtung. Würden die Quoten für Zuckerrüben wegfallen und alle Marktordnungs-Elemente beseitigt werden, müssten die meisten Bauern die Produktion aufgeben.

Dabei bedeuten die bestehenden Marktregelungen gerade in strukturschwachen ländlichen Räumen die Grundlage für wirtschaftlich funktionierende Regionen. Dies zu ändern, hieße einen tief greifenden sozialen Kahlschlag heraufzubeschwören. Mit massiven Folgen nicht nur für die Landwirte, sondern auch für die Beschäftigten in der Zuckerindustrie und davon abhängiger Gemeinden: Stirbt der Bauer, stirbt das Land.

Auch wenn die Preise am Weltmarkt mitunter in die Höhe schießen, kann das kein Argument gegen das Marktordnungs-System sein. Denn wenn zukünftig von den Rohrzucker-Produzenten aus taktischen Gründen nur wenige Jahre hindurch Dumpingpreise gemacht würden, müssten  die Rübenbauern ihre Produktion aufgeben  und in der Folge die Zuckerfabriken zusperren. Das wäre ein irreversibler Schritt, der bei steigenden Weltmarktpreisen nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.

Europa, dessen Zuckerbedarf nach den Liberalisierungsschritten der EU im Jahr 2006 nur mehr zu 85 Prozent aus eigenem Anbau gedeckt ist,  läuft bei einer weiteren Verschärfung Gefahr, sich in Zeiten der Nahrungsmittelknappheit endgültig von außen abhängig zu machen.

Um unvergleichliche Qualität und Vielfalt.

Zum selbstverständlichen Leistungspotential des europäischen Zuckers zählt auch das hohe Maß an Planungssicherheit für die Verarbeiter. Die kontinuierliche Marktversorgung macht sie unabhängig von schwankenden Entwicklungen am Weltmarkt - und von eigener, kostenintensiver Bevorratung. Schon die geographischen Vorteile der Zuckererzeugung und -vermarktung vor Ort liegen buchstäblich nahe. Es bedeutet das Kundennähe durch ausgefeilte Logistik, kurze Transportwege und bedarfsgerechte Just-in-time-Lieferung.

Keine Frage: Die Erwartungen der europäischen Verbraucher an Produkte und deren Qualität sind hoch. Ihre Ansprüche an eine gesunde und umweltfreundliche Produktion wachsen. Gut so. Denn dank intensiver Forschung und Entwicklung, modernem Qualitätsmanagement und hoch entwickelter Technik können die europäischen Rübenanbauer und Zuckerproduzenten dem Rechnung tragen - zu einem leistungsgerechten Preis, versteht sich.

Und um Fairness im Wettbewerb

Chancengleichheit gibt es nicht von selbst. Weder im menschlichen Leben, noch im Wirtschaftsleben und schon gar nicht im internationalen Handel. Man muss die Voraussetzungen für faire Konkurrenz vielmehr schaffen. Und das in einer Weise, die für einen gerechten Interessen- und Lastenausgleich sorgt: So wie es unsere Marktordnung im Bereich der Zuckerwirtschaft tut.
Zu ihren Vorzügen gehört die Haushaltskostenneutralität. Das heißt: Der Steuerzahler wird durch Ausgleichszahlungen nicht belastet. Die bei niedrigen Weltmarktpreisen notwendigen Erstattungen für Exportzucker werden nämlich durch Abgaben der Anbauer und Hersteller selbst finanziert. Zudem sind alle zuckerhaltigen Verarbeitungserzeugnisse in die Außenhandelsregelungen einbezogen. Für sie gibt es Exporterstattungen bei der Ausfuhr in Drittländer ebenso wie Zölle auf importierte Konkurrenzprodukte: Womit für ihre volle Wettbewerbsfähigkeit gesorgt ist.
Solche Marktregelungen sind dabei beileibe kein europäisches Unikum, sondern Praxis aller wichtigen Erzeuger- und Verbraucherländer. De facto unterliegen vier Fünftel des erzeugten Weltzuckers Präferenzbestimmungen. Der vielbeschworene freie Weltmarkt ist damit als Restmarkt nicht mehr als eine Fiktion. Eine ebensolche Fiktion sind die im internationalen Vergleich vermeintlich überhöhten EU-Preise: Tatsächlich liegen sie unterhalb der Mehrheit anderer Staaten, wirft man nationale Industriesubventionen, niedrige Lohnniveaus und unzureichende Umweltvorsorge mit in die Waagschale.*
*A Study of Sugar Policy in Selected Countries.
LMC International Ltd. London/New York, 1997

Fazit

Paradox, aber wahr: Billiger Weltmarktzucker käme uns teuer zu stehen. Denn mit dem Weltmarktpreis gäben wir das preis, was uns in Europa weltweit auszeichnet: unsere hohen gesellschafts-, umwelt- und sozialpolitischen Standards.

In jedem europäischen Zuckerpackerl steckt das, was wir unserer Land- und Zuckerwirtschaft aus gutem Grund - und zu einem angemessenen Entgelt - abverlangen und was in Übersee eben nicht erbracht werden muss, nämlich umwelt- und sozialverträglich erzeugte Höchstqualität. Die tatsächlichen Kosten und Kostenunterschiede des Zuckers werden nur dann wirklich greifbar, wenn wir uns klarmachen, welche Ausbeutung an Mensch und Natur anderswo betrieben wird. Dies sind Lasten, die auf den Preisschildern des Weltmarktzuckers nicht auftauchen. Sie machen deutlich, was unser Gemeinschaftszucker wert ist: seinen Preis.

Denn was sind unsere Umweltstandards wert, wenn wir die Produktion Ländern überlassen, die sich um die Umwelt nicht scheren?

Darum gilt es die europäische Produktion von Zuckerrüben zu sichern. Nur sie ist der Garant für eine gesunde Umwelt, faire Sozialbedingungen und ein gesundes Produkt, den heimischen Zucker.

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